Moodle-basierte Selbstlerneinheit: „BA Workshop Scientific Writing“ (Prof. Dr. Niechoj)

Im Rahmen der Lehrveranstaltung „BA Workshop Scientific Writing“ von Prof. Dr. Torsten Niechoj wurde eine Moodle-basierte Selbstlerneinheit mit interaktiven Elementen entwickelt. Thema der Einheit ist das richtige Zitieren im sozialwissenschaftlichen Kontext. Die Lehrveranstaltung wird jedes Jahr von etwa 50 Studierenden besucht, die sich im Bachelorstudiengang International Business and Social Sciences (Kamp-Lintfort) auf das Schreiben der BA-Arbeit vorbereiten. Die Selbstlerneinheit soll das im Studium angeeignete Wissen auffrischen, womit in der Präsenzlehre mehr Raum für vertiefende und weiterführende Fragen der Studierenden geschaffen wird. Bewährt sich die Lehreinheit didaktisch und wird sie von den Studierenden gut angenommen, ist geplant weitere Lerneinheiten für die Lehrveranstaltung zu entwickeln, die sich mit weiteren Aspekten des wissenschaftlichen Schreibens beschäftigen. Didaktisch besteht die Herausforderung darin, auch in der digitalen Fassung Raum für Feedback und Ambiguitäten zu schaffen. Technisch ist die Umsetzung gleichfalls nicht trivial, da eine in die etablierte Moodle-Plattform integrierte Lösung gefunden werden muss, die es erlaubt, Textantworten der Studierenden zu analysieren und mit einem passgenauen Feedback zu versehen sowie aus einem Aufgabenpool zufallsgesteuert Fragen zu vorgegebenen Themenbereichen zu ziehen.

Frage 1: Lieber Herr Prof. Dr. Niechoj, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Moodle-basierte Übungseinheit in Ihrer Lehre einzusetzen bzw. warum sind die über Moodle angebotenen Übungen für das Modulangebot relevant?

Ich setze aktuell eine Moodle- bzw. H5P-basierte Lehreinheit im Modul „BA Workshop II: Scientific Writing“ des Kamp-Lintforter BA-Studiengangs International Business and Social Sciences ein. Der Kurs, zusammen mit zwei weiteren, unterstützt die Studierenden im siebten Semester beim Verfassen der Bachelor-Arbeit. Inhalte des bisherigen Studiums werden aufgefrischt und vertieft, die Studierenden werden bei uns mit ihren Entscheidungen zu Thema, Struktur und Methode ihrer BA-Arbeit nicht alleine gelassen.

Die elektronische Übungseinheit macht nur einen kleinen Teil eines der drei BA-Module aus. Sie ersetzt nicht die Präsenzlehrveranstaltung, sondern ergänzt sie und schafft Freiraum, um mehr auf spezifische Fragen der Studierenden eingehen zu können.

Frage 2: Wo sehen Sie die Vorteile des Einsatzes digitaler Medien bzw. was kann durch die digitale Medien geleistet werden, was ohne deren Einsatz nicht möglich wäre?

Für Online-Lehreinheiten, die verschiedene Arten digitaler Medien integrieren können, sehe ich im Prinzip zwei Argumente, die für einen Einsatz sprechen: eine erfolgreichere Vermittlung der Lehrinhalte und mehr zeitliche Flexibilität auf Seiten der Studierenden.

Online-Einheiten erlauben es den Studierenden, vom relativ starren Raster wöchentlicher Lehrveranstaltungen abzuweichen und so ihr Studium kompatibler mit anderen Anforderungen – sei es Familie, Erwerbsarbeit oder Biorhythmus – zu gestalten. Für die Lehrenden gilt das übrigens nicht unbedingt, weil ich als Lehrender ja immer einen Blick auf meine Unit haben muss und zwar nur kurz, aber immer wieder auf Studierendenaktivitäten reagieren muss.

Beim Vermittlungsargument bin ich eher skeptisch. Wenn eine Online-Einheit gut gemacht ist, kann sie beides umfassen, die gut strukturierte Präsentation von Material und eine gewisse Interaktivität. Allerdings sehe ich die literaturgestützte Präsenzlehre immer noch klar im Vorteil, so dass letztlich die zeitliche Flexibilität das entscheidende Kriterium ist.

Frage 3: Gab es Herausforderungen bei der Implementierung?

Ja, die Erstellung war nicht trivial, obwohl ich mit einer vom Umfang her eher kleinen Einheit begonnen habe. Ich habe die Einheit gescriptet, die technische Realisierung lief dann über das E-Learning-Zentrum. Da es die erste Online-Lehreinheit dieser Art war, musste erst einmal die technische Basis geklärt werden. Die Einheit ist nun voll in Moodle integriert, nutzt aber ein HTML5-basiertes Autorensystem (H5P), was gegenüber einer reinen Moodle-Lösung mehr Möglichkeiten der Interaktion und ein etwas gefälligeres Aussehen ermöglicht. Damit sind wir aber dann auch gleich schon bei den prinzipiellen Herausforderungen einer solchen Einheit: Sobald die automatisierte Interaktion die Auswahl von vorgegebenen Antworten überschreiten soll, muss programmiert werden; von Lehrendenseite ist das dann nicht mehr zu leisten. Somit beschränkt sich die Lehreinheit aktuell auf die Präsentation von Information und verschiedene Fragen-Antwort-Formate. Geplant ist aber, sowohl den Umfang als auch den Interaktionsgrad zu erweitern. Ein Beispiel: Studierende sollen ein Literaturverzeichnis nach einem vorgegebenen Zitationsstil erstellen. Die Lehreinheit soll dann automatisiert Fehler anzeigen können. Das lässt sich aber mit Standardfunktionen nicht realisieren, sondern erfordert mehr technisches Wissen.

Natürlich könnte man solche Einheiten auch noch mit professionell gedrehten Videos, einer einheitlichen grafischen Gestaltung und Simulationselementen versehen. Aber auch das kann kein Lehrender mal eben nebenher leisten; hier ist wieder das E-Learning-Zentrum gefragt, denke ich.

Frage 4: Welche Rückmeldung haben Sie von den Studierenden erhalten?

Da es der erste Testlauf war, habe ich die Studierenden die Online-Unit während der Lehrveranstaltung ausprobieren lassen. Was sich auch als gut herausgestellt hat, da der Start doch etwas holprig verlief. Aufgrund einer fehlenden Zugriffsberechtigung konnten die Studierenden nämlich anfangs nicht auf die Einheit zugreifen. Als dann alles lief, gefiel es den Studierenden. Ich denke, dass zum einen Online-Einheiten einen Medienwechsel darstellen und so helfen, die Studierenden zu aktivieren, zum anderen sind kleine Tests und eine etwas andere Form der Präsentation Elemente der Spielifikation, die den Studierenden entgegenkommen. Eine – jedenfalls für mich – noch offene Frage ist aber, wie umfangreich solche Units ausfallen sollten. Der Neuigkeitseffekt dürfte sich auch irgendwann abschleifen.

Frage 5: Wo sehen Sie zukünftige Potenziale für den Einsatz von E-Learning in der Lehre?

Gerade bei den Modulen, die auf die BA-Arbeit vorbereiten, kann ein verstärkter Einsatz von E-Learning zu mehr zeitlicher Flexibilität für die Studierenden und zeitlicher Entzerrung bei den Lehrinhalten führen. Zwei der drei auf die BA-Arbeit vorbereitenden Kurse finden geblockt zu Beginn des Wintersemesters mit fünf Tagen an einem Stück plus einem Zusatztag Präsenzlehre statt. Dazu kommen noch zahlreiche weitere von den Studierenden zu leistende Aufgaben vor und nach der Präsenzwoche. Ein Nachmittag ohne Präsenzlehre wäre da hilfreich, damit die Studierenden den Kopf zwischendurch wieder freibekämen. Ggf. könnte man auch mehr Präsenzlehre substituieren, um Studierenden entgegenzukommen, die eine kooperative BA-Arbeit schreiben und während der BA-Phase in einer Organisation außerhalb der Hochschule arbeiten möchten.

Frage 6: Welchen Rat würden Sie anderen Lehrenden geben, wenn diese vorhaben, digitale Medien in ihre Lehre einzubinden.

Digitale Medien sind bereits täglicher Bestandteil der Lehre, sei es in Form von Video, der Nutzung eines Zeichentablets in Vorlesungen oder Zusatzinformationen auf Moodle. Ich fokussiere deswegen hier nur auf Online-Lehreinheiten. Diese würde ich immer mit Präsenzanteilen verbinden. Viele Fragen und Probleme ergeben sich erst in der persönlichen Kommunikation. Vieles, was sich in der Präsenzlehre gut vermitteln lässt, ist in den doch immer noch recht starren Interaktionen eines Online-Moduls kaum oder nur mit enormem Aufwand zu machen. Zwei Beispiele: Während einer Präsenzveranstaltung können sie, ich bin Volkswirt, eine Marktsituation Stück für Stück graphisch entwickeln und direkt auf Anregungen und Fragen der Studierenden eingehen. Sicher können Sie das auch abfilmen, doch so verlieren Sie einen guten Teil der Interaktion. Alternativ könnten Sie eine grafische Simulation programmieren; das ist aber sehr aufwendig oder müsste zugekauft werden, womit Sie auch an Kontrolle über die Simulation verlieren. Ein anderes Beispiel: Sie stellen eine von den Studierenden zu lösende Aufgabe. In der Präsenzlehre können Sie im Anschluss einige ausgewählte, d.h. repräsentative Antworten besprechen. Studierende haben zudem die Möglichkeit, weitere Probleme anzusprechen, auch wenn ihre Antwort nicht in der großen Runde verhandelt wurde. So erhalten letztlich alle ein Feedback. Bei einer Online-Einreichung müssten Sie eigentlich die Antworten aller korrigieren, um ausreichend Feedback zu geben, oder mit elektronischen Musterlösungen und Frageeinsendungen arbeiten. Erfahrungsgemäß verlieren Sie aber aufgrund der zeitversetzten Reaktionen gegenüber einer Präsenzveranstaltung an Austausch, gegenseitiger Anregung und damit individuellem Feedback.

Die rein online-basierte Vermittlung von Wissen hat m.E. Grenzen, als ergänzende Form der Lehre kann sie aber hilfreich sein – wenn sie gut gemacht ist. Das erfordert aber einen hohen Aufwand und umfangreiches technisches und gestalterisches Wissen bei der Erstellung.