
Das deutsche Schulsystem ist plural und selektiv. Plural bedeutet, dass es unterschiedliche Schulformen gibt, selektiv bedeutet, das bereits sehr früh (in der Regel in der vierten Klasse (in Bremen und Berlin in der 6. Klasse) über die weiterführende Schule entschieden wird. Im Prinzip kann auch danach noch die Schulform gewechselt werden. Die Gesamtschule wurde gegründet, damit solche Wechsel leicht und problemlos jederzeit möglich sind und ein kompletter Schulwechsel nicht notwendig ist. Die Gesamtschule ist nach wie vor nicht die Regel. Stattdessen gibt es nach der obligatorischen Grundschule von vier (oder sechs Jahren) die Möglichkeiten oder Zwänge unterschiedliche Schulformen zu besuchen. Durch die 16 Bundesländer besteht eine große Pluralität. Hier gebe ich das Beispiel für Nordrhein-Westfalen. In NRW kann nach der Grundschule die Gemeinschaftsschule, die Gesamtschule, die Realschule, das Gymnasium oder eine Förderschule besucht werden. Die Förderschule steht bereits ab der 1. Klasse als Möglichkeit zur Verfügung, obwohl gleichzeitig für alle Schulen der Auftrag zur Inklusion besteht. Bei Beginn einer Berufsausbildung wird weiterhin die Berufsschule besucht. Schulabschlüsse können, wenn sie aus unterschiedlichen Gründen nicht gemacht wurden am Berufskolleg, an Berufsoberschulen, Abendgymnasien oder Fernstudien gemacht oder nachgeholt werden.
Die Schulpflicht gilt in der Regel für Kinder ab dem sechsten Lebensjahr und dauert bis zum 18. Lebensjahr oder bis zum Abschluss einer bestimmten Schulform.
Derzeit besuchen ca. 11 Millionen Schüler*innen die Schulen in Deutschland. 2024 wurden 827 500 Kinder zum Schuljahresbeginn 2024/2025 eingeschult. Die Bundesrepublik hat fast 85 Millionen Einwohner*innen. Im Vergleich wurden 2024 in Irland 556 084 Schüler*innen eingeschult. Irland hat eine Bevölkerung von etwas mehr als 5 Millionen. Die Schulpflicht sorgt dafür, dass die meisten Kinder eine Schule besuchen. Dennoch gibt es Kinder, die nicht zur Schule gehen. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die nicht zur Schule gehen, liegt in Deutschland im steigenden Bereich mit derzeit fast 7 Prozent, allerdings ist die Erfassung schwierig, da in die Statistik Fehlzeiten von Schüler*innen, die offiziell noch die Schule besuchen, nicht eingehen.
Kritik an den Schulformen und am schulischen Lernen
Die verschiedenen Schulformen in Deutschland stehen konstant in der Kritik. Einige der Kritikpunkte sind:
Die frühe Selektion: die Aufteilung in verschiedene Schulformen bereits nach der Grundschule führt dazu, dass Kinder sehr früh in eine Richtung gebracht werden, obwohl ihre Potenziale sich noch in Entwicklung befinden. Es gibt zudem Bedenken hinsichtlich der Chancengleichheit, da Kinder aus sozial benachteiligten Familien oft schlechtere Bildungswege einschlagen und weniger Unterstützung erhalten. Aus der Perspektive moderner Pädagogik kritisieren Wissenschaftlcer*innen die starre Struktur der Lehrpläne und die oft veralteten Unterrichtsmethoden, die nicht auf die individuellen Bedürfnisse der Schülerinnen eingehen. Der hohe Leistungsdruck, insbesondere am Gymnasium, wird als problematisch angesehen und kann zu Stress und psychischen Problemen bei den Schüler*innen führen. Die Integration und Inklusion von Schüler*innen mit Migrationshintergrund und besonderen Bedürfnissen wird häufig als unzureichend angesehen. Ebenso werden die Beziehungsqualität und die veralteten Lehrmethoden kritisiert. (Nationaler Bildungsbericht 2024)
Schulabsentismus
Bist du schon einmal von etwas ferngeblieben, einfach nicht hingegangen, abwesend geblieben? Von der Schule, der Hochschule, der Versammlung, dem Arbeitsplatz, der Familienfeier, dem Fest, dem Jahrgangstreffen o.ä.? Wahrscheinlich hattest du gute Gründe dafür: Angst? Unsicherheit? Keine Energie dafür? Einfach etwas viel Interessanteres tun? Wahrscheinlich wurde dein Abwesend-Sein bemerkt. Lücken ziehen Blicke auf sich, leere Stühle werfen Fragen auf. Abwesende sind meist anwesend, über sie wird gesprochen. Sorgen werden geäußert, Ärger, Frustration, Sich-Wundern. Aber jetzt sind sie nicht da, und ein Dialog kann nicht stattfinden. Später bedauern sie, dass sie nicht dabei waren, oder auch nicht.
Das zeitweise oder konstante, nachhaltige Fernbleiben von der Schule ist ein weltweites Geschehen, die Kontexte und der Umgang damit sind sehr unterschiedlich und komplex: sie reichen von nicht vorhandenen Möglichkeiten die Schule überhaupt zu erreichen, Kinderarmut und Kinderarbeit, Strafsystemen in der Schule bis zu den Ängsten von Kindern vor gut ausgestatteten Schulumgebungen.
Eltern und Schule werden verantwortlich gemacht, es finden gegenseitige Schuldzuweisungen statt. Elternblaming: Warum erlauben die das den Kindern? Sie sollten ihren Erziehungsstil verändern, auf Eltern wird Druck ausgeübt. Oder Lehrer*innenblaming: warum geben die nicht genug Unterstützung? Warum ist die Schule so chaotisch? Warum funktionieren Schulexeprimente nicht? Oder: die Schüler*innen werden pathologisiert, charakterisiert, immer wieder diagnostiziert (etwas mit ihnen stimmt nicht).
Die Gemeinsamkeit aller Beteiligten liegt hingegen in ihren Ohnmachtsgefühlen sowie in dem Gefühl der Dringlichkeit in der Zeitperspektive (von ca. 12 Jahren Schulzeit).
Schauen wir zunächst auf einige gängige Ergebnisse aus Studien unterschiedlicher Länder:
Das Fernbleiben von der Schule ist ein gradueller Prozess, konstantes und nachhaltiges Fernbleiben entsteht nicht von heute auf morgen. Die genauen Prozesse sind noch wenig untersucht.
Bezogen auf die Schüler*innen werden hohe Angstgefühle festgestellt; hoher Stress führt zu irrationalen Interpretationen der Schule (die Schule wird gewissermaßen sukzessive zu einem Moloch in der Wahrnehmung der Kinder). Vernachlässigungen, Suchtproblematiken, psychische Herausforderungen und Belastungen der Eltern sind Faktoren. Der sozioökonomische Status scheint keine wesentliche Rolle zu spielen. Die Untersuchung der Schulstrukturen zeigt zu wenig professionelle emotionale Unterstützung, geduldete Bullying-Strukturen, Schulabläufe, didaktische Methoden, die die Schüler*innen nicht angemessen adressieren (Knage 2022; Lomholt et al. 2022; Geng et al. 2020; Pijl et al. 2021; Mooney et al. 2021; Woodland et al. 2023); Knage, Søndergard 2023).
In den letzten Jahren seit Corona ist krankheitsbedingtes häufiges Fehlen als bedeutsamer Faktor in den Fokus gerückt: durch die Umwelt verursachte Krankheiten (Allergien) oder andere Krankheiten machen einen erheblichen Anteil dauerhaften Fernbleibens aus sowie Autismus in der Kombination mit belastenden Gesundheitsfaktoren.(Geng et al. 2020; Mattson et al. 2022). Wenn die Stimmen der Schüler*innen mit Migrationshintergrund nicht gehört werden, besteht ein größeres Risiko, dass sie fernbleiben. Das in den letzten Jahren generierte wissenschaftliche Wissen und daraus gezogene Schlussfolgerungen haben noch nicht zu bedeutsamen Veränderungen geführt. Was also fehlt?
Dänische Studien bieten neue Ansatzpunkte. Sie schauen dort hin, wo Kinder trotz aller Interventionen nicht zur Schule gehen möchten. Die Autor*innen fragen. Was ist der Prozess? Was sagen uns die Kinder? Welches Wissen stellen Sie uns zur Verfügung? Was fangen wir dann mit diesem Wissen an? Wie erhalten wir es überhaupt? Und in welcher Relation steht es zum Wissen der Eltern und Lehrer*innen? Die Autor*innen möchten die Fluchtlinien nachvollziehen (Knage 2022; Lomholt et al. 2022). Sie begreifen Abwesenheit als eine Form der Destabilisierung des Systems: nicht immer ist die Stabilisierung des Systems durch Anpassung der Schüler*innen die Antwort, sondern es bedarf möglicherweise einer Neuausrichtung des Systems, damit Stabilität in der Gesellschaft wieder möglich wird. In Interviews mit Lehrerinnen, Schülerinnen, Eltern sind folgende Schwerpunkte in den Vordergrund getreten: Professionellenebene: die Bürokratie; die Schulpflicht zwingt die Schulen zu Meldungen (Bußgelder, zwangsweise Abholung der Schülerinnen sind möglich), und genauer Dokumentation (was in der Praxis häufig nicht möglich ist), Fallbesprechungen, Maßnahmen zur Herstellung der Ordnung. Professionelle empfehlen multiprofessionelle Teams unter Einbeziehung von Schulpsycholog*innen als Teil der Schulteams. Hausbesuche mit Gesprächen halten sie für einen wichtigen Teil der Adressierung von Schulabsentismus. Den Eltern hingegen macht die Bürokratie, die partielle Kriminalisierung durch Strafen Sorgen sowie die Ängste um die Zukunft der Kinder. Die Schüler*innen hingegen äußern ganz andere Aspekte: sie sind sich bewusst, dass sie etwas verpassen, zum Teil bedauern sie, dass sich Möglichkeiten geschlossen haben, ein anderer Teil der Schüler*innen schätzt die Erfahrungen, die sie anstelle der Schule gemacht haben, als bedeutsamer ein. Traumatische Erfahrungen, Bullying in der Schule, Dyslexia, Autismus, Ängste, massive Erschöpfungsgefühle, die Bedeutung anderer Interessen und Hobbies (künstlerische Arbeit, Gartenarbeit, Tiere, politische Aktivitäten u.a.). Das alles sind für die Schüler*innen Gründe, die so schwer wiegen, dass sie die Schule nicht besuchen möchten. Die Wahrnehmung ihrer spezifischen Interessen außerhalb der Schule ermöglicht ihnen, eine Stimme zu haben, eigenständig zu agieren und zu denken. Im Grunde verweigern die Kinder den Zugriff der Institutionen auf ihren Körper, und ihre Psyche. Damit werden Sie zu Botschafter*innen der Lücken des Schulsystems: der Mangel an Sorge in der Institution, die Unmöglichkeit der Institution Zugehörigkeitsgefühle herzustellen. Wenn das Verhalten der Kinder als Einladung gesehen würde, die Sorge als essenziell für das Zusammenleben in der Gemeinschaft und Gesellschaft zu betrachten könnte eine Denken in Gang gesetzt werden, das jenseits instrumenteller Lösungen das Bild vom Kind, das Zuhören, die Sorge und den Dialog mit den Kindern als Rechtssubjekte in den Fokus rückt. Die jungen Menschen betonen, wie wichtig ihnen Bezugspersonen sind, vertrauensvolle Bindungen. Vereinsamung und vollständiger sozialer Rückzug hingegen schaffen Leidenssituationen.
Die Europäische Union hat auf politischer Ebene die Implementierung des Lundy-Modells zur Sicherstellung und Implementierung der Kinderrechte und der Sicherstellung einer Partizipation empfohlen, die mehr ist als die Stimmen der Kinder zu hören. Eine Partizipation, in der Erwachsene in ihren Systemen sich verändern müssen und in einem Prozess eintreten, der ein Lernen von Kindern möglich macht, erst dann ist die Wechselseitigkeit von Lernprozessen gewährleistet, Veränderung möglich.
Das Modell wurde von der irischen Professorin für internationale Kinderrechte Laura Lundy entwickelt und als erster Staat wurde es von der irischen Regierung implementiert. Das Modell fordert die Institutionen zur Veränderung auf und eine Haltung der Sorge und des Dialogs zu entwickeln:
Räume (space)
Sind junge Menschen nach ihrer Meinung gefragt worden?
Wie viele Möglichkeiten gab es?
Ist die Institution zugänglich, freundlich und sicher?
Ist das Personal angemessen geschult und auf dem neuesten Stand der pädagogischen Erkenntnisse? Bemüht sich die Institution aktiv um die Integration von Kindern mit unterschiedlichen Hintergründen? Werden ihre Bedürfnisse angemessen adressiert?
Stimmen (voice)
Haben junge Menschen die Informationen erhalten, die sie benötigen, um sich eine Meinung zu bilden?
Wissen junge Menschen über die Bedingungen ihrer Teilhabe Bescheid?
Werden kreative und unterhaltsame Aktivitäten genutzt, um junge Menschen dabei zu unterstützen, ihre Meinung zu Themen zu äußern?
Gibt es genug eingeplante Zeit, um sich mit den Themen zu befassen?
Sind die Ressourcen und Methoden für junge Menschen zugänglich, jugendsicher und jugendfreundlich?
Publikum, Zuhörer*innenschaft (audience)
Sind geeignete Entscheidungsträger beteiligt und engagiert?
Gibt es einen klaren und vereinbarten Prozess, um die Stimmen und Ansichten junger Menschen zurück zu kommunizieren?
Wissen junge Menschen, mit wem ihre Ansichten geteilt werden und was danach mit ihnen passiert?
Wissen Entscheidungsträger, wie die Ansichten junger Menschen in ihre Entscheidungsprozesse einfließen werden?
Ist die Person, die die Ansichten junger Menschen ’empfängt’, die Person mit der Macht, Entscheidungen zu treffen (oder zu beeinflussen)? Einfluss (influence)
Wurden die Ansichten junger Menschen im Entscheidungsprozess berücksichtigt, und wie wird dies dokumentiert?
Wurden junge Menschen darüber informiert, wie ihre Ansichten eine Entscheidung beeinflusst haben – und wenn nicht, warum?
Gibt es Verfahren, damit junge Menschen Entscheidungsträger für ihre Entscheidungen zur Rechenschaft ziehen können?
Wann und wie werden junge Menschen wissen oder sehen, welche Auswirkungen ihre Handlungen hatten?
Der bedeutende Aspekt am Lundymodell ist für mich die Betonung des Dialoges zwischen Erwachsenen und jungen Menschen und die Betonung der Notwendigkeit, dass diese dialogische Haltung und ihre Umsetzung von den Erwachsenen gelernt werden muss. Hier liegt die Schwierigkeit, da viele Erwachsene diese Erfahrung selbst als Kinder und Jugendliche nicht machen konnten. Lundy plädiert für eine Vermittlung dieser Fähigkeiten, in Projekten, in Fortbildungen. Wenn wir bei jedem einzelnen Kind genau zuhören, daraus Handeln entwickeln, dann verändern sich damit einhergehend auch die Strukturen.
Ja, das deutsche Bildungssystem sieht sich seit Jahren mit strukturellen Schwächen konfrontiert, die sowohl die Vielfalt und Selektion innerhalb des Schulsystems als auch die zunehmende Problematik des Schulabsentismusbetreffen. Diese Themen stehen in engem Zusammenhang, da sie grundlegende Fragen nach Chancengleichheit und individueller Förderung aufwerfen.
Die große Anzahl an Schulformen in Deutschland bietet theoretisch die Möglichkeit, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Schüler*innen einzugehen. Das bedeutet das Schüler*innen nach der 4 Klasse, die “freie” Wahl auf welche Schule sie gehen möchten. Jedoch führt die frühe Selektion und die sogenannte “Schullaufbahnempfehlung” nach der Grundschule oftmals zu einer Reproduktion sozialer Ungleichheiten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass Bildungswege stark von der sozialen Herkunft der Kinder abhängen. Um die Bildungsungleichheit zu reduzieren und den sozialen Zusammenhalt zu fördern, wäre ein inklusiveres Bildungssystem, das längeres gemeinsames Lernen ermöglicht, wünschenswert. Länder mit solchen Ansätzen zeigen, dass dadurch nicht nur soziale Disparitäten verringert, sondern auch die individuellen Potenziale der Schüler*innen besser ausgeschöpft werden können.
Schulabsentismus ist ein wachsendes Problem, das auf ein Zusammenspiel individueller, familiärer und schulischer Faktoren zurückzuführen ist. Studien weisen darauf hin, dass emotionale Belastungen wie Angst und Depression, familiäre Konflikte sowie eine unsupportive Schulumgebung häufig zentrale Gründe für das Fernbleiben von der Schule sind (Skaaning Knage, 2022). Auch soziale Isolation durch Mobbing oder das Fehlen unterstützender Beziehungen tragen wesentlich dazu bei.
Ein Beispiel hierfür liefert der Fall von Julie, einem 12-jährigen Mädchen, das sich aufgrund von sozialer Isolation und mangelnder Unterstützung zunehmend von ihrer Schule distanzierte. Julie berichtete, dass sie sich in ihrer Klasse unsichtbar fühlte und keine sozialen Anschlussmöglichkeiten hatte. Ihr Schulabsentismus war eine Strategie, um mit diesen belastenden Erfahrungen umzugehen (Skaaning Knage, 2022). Dieser Fall verdeutlicht die Notwendigkeit, Schulabsentismus als komplexes und individuell geprägtes Phänomen zu betrachten.
Um Schulabsentismus präventiv zu begegnen, bedarf es meiner Meinung nach ein ganzheitlicher Ansatz, der sowohl die schulischen als auch die außerschulischen Lebensrealitäten der betroffenen Kinder einbezieht. Ein wichtiger erster Schritt wäre die Etablierung von Schulprogrammen, die ein positives und unterstützendes Schulklima fördern. Dazu gehört die gezielte Schulung von Lehrkräften im Umgang mit Diversität, Mobbingprävention und der Schaffung sicherer Lernumgebungen.
Aber auch auf familiärer Ebene könnten Beratungs- und Unterstützungsangebote helfen, Konflikte zu bewältigen und die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern zu stärken. Außerdem sollten Schulen stärker mit externen Akteuren wie Sozialarbeitern, Psychologen und Jugendämtern zusammenarbeiten, um ein interdisziplinäres Netzwerk zur Unterstützung gefährdeter Kinder aufzubauen. Innovative Ansätze könnten auch die Nutzung digitaler Technologien umfassen, um Schüler*innen, die aufgrund von Angst oder sozialer Isolation dem Unterricht fernbleiben, besser einzubinden. Virtuelle Lernräume oder hybride Unterrichtsmodelle könnten diesen Kindern einen sanften Wiedereinstieg ermöglichen.
Ein poststrukturalistischer Ansatz, der die sozialen und kulturellen Dynamiken hinter Schulabsentismus analysiert, sowie ein neuer materialistischer Fokus, der die Rolle nicht-menschlicher Faktoren wie digitale Technologien oder Schulräume untersucht, bieten wertvolle Perspektiven (Skaaning Knage, 2022). Diese Theorien ermöglichen ein tieferes Verständnis der individuellen Lebenskontexte und helfen, Interventionen gezielt zu gestalten.
Insgesamt kann man sagen das, sich das deutsche Bildungssystem von einem stark selektiven hin zu einem inklusiveren Modell entwickeln sollte. Die Problematik des Schulabsentismus zeigt, dass starre Lösungen nicht ausreichen. Stattdessen sind flexible und kontextsensitive Ansätze erforderlich, die die Lebensrealitäten der Kinder ernst nehmen. Langfristig könnten theoretisch fundierte und praktisch umsetzbare Maßnahmen nicht nur die Bildungsungleichheit verringern, sondern auch die negativen Folgen von Schulabsentismus mildern. Ein kindzentrierter Ansatz, der die Komplexität und Dynamik der individuellen Lebenslagen berücksichtigt, ist entscheidend, um eine gerechtere und zukunftsfähigere Bildungslandschaft zu schaffen.
Quelle: Skaaning Knage, F. (2022). Becoming an Absent Student: Analysing the Complex Entanglements in Persistent School Absence. Human Arenas
https://doi.org/10.1007/s42087-023-00329-7
Das deutsche Schulsystem sieht sich mit vielen Herausforderungen konfrontiert, insbesondere wenn es darum geht, die Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Kinder sollten nicht nur passive Teilnehmer am Unterricht sein, sondern aktiv in Entscheidungen eingebunden werden – von der Unterrichtsgestaltung bis hin zur Organisation von Projekten. Dies erfordert jedoch ein grundlegendes Umdenken.
Die frühe Selektion nach der Grundschule stellt ein zentrales Problem dar. Bereits mit zehn Jahren entscheidet sich in den meisten Bundesländern, welchen Bildungsweg ein Kind einschlagen soll. Diese Entscheidung ist oft endgültig und beeinflusst die gesamte Schullaufbahn. Doch die Potenziale vieler Kinder sind in diesem Alter noch lange nicht vollständig sichtbar. Die frühe Aufteilung verstärkt soziale Ungleichheiten, denn Kinder aus finanziell oder sozial benachteiligten Familien haben häufig schlechtere Startbedingungen und weniger Unterstützung. Diese Ungleichheit steht im Widerspruch zum Grundgedanken von Bildung als Chance für alle.
Ein weiteres Problem liegt im hohen Leistungsdruck, der vor allem an Gymnasien ausgeprägt ist. Kinder und Jugendliche stehen oft unter großem Druck, schulische Erwartungen zu erfüllen. Dieser Druck führt nicht selten zu Stress oder sogar psychischen Problemen. Doch der Fokus auf Leistung allein kommt zu kurz. Schule sollte ein Ort sein, an dem Kinder sich sicher und unterstützt fühlen. Die Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen spielt dabei eine entscheidende Rolle. Forschungen zeigen, dass Kinder, die sich mit ihren Lehrkräften verbunden fühlen, motivierter sind und weniger häufig dem Unterricht fernbleiben. So betont beispielsweise die Handreichung der Bezirksregierung Arnsberg (2023), dass eine stärkere emotionale Unterstützung durch Lehrkräfte entscheidend dafür ist, Schulabsentismus zu verringern. Der Aufbau persönlicher Beziehungen sollte daher genauso im Fokus stehen wie die Vermittlung von Wissen.
Gleichzeitig fehlt es in vielen Schulen an Raum für kreative und individuelle Lernmethoden. Der Lehrplan ist oft starr, und Kinder haben wenig Möglichkeiten, ihre eigenen Interessen einzubringen. Mehr projektbasierte Ansätze könnten hier Abhilfe schaffen. Zum Beispiel könnten naturwissenschaftliche Experimente oder fächerübergreifende Projekte Kinder dazu ermutigen, eigene Fragestellungen zu entwickeln und selbstständig Lösungen zu erarbeiten. Solche Ansätze fördern nicht nur die Lernfreude, sondern stärken auch die Eigenständigkeit und Kreativität der Kinder.
Das Lundy-Modell, das auch im Blogartikel angesprochen wurde, liefert hier wichtige Impulse. Es betont die Rechte der Kinder und fordert, dass ihre Meinungen ernst genommen werden. Dabei geht es nicht nur darum, Kinder zu Wort kommen zu lassen, sondern ihre Perspektiven aktiv in Entscheidungen einfließen zu lassen. Besonders hervorzuheben ist die Forderung, dass Erwachsene sich weiterentwickeln müssen, um einen echten Dialog mit Kindern zu ermöglichen. Viele Erwachsene haben als Kinder selbst nicht die Erfahrung gemacht, dass ihre Meinung zählt, und müssen diese Fähigkeit erst erlernen. Diese Veränderung ist entscheidend, um ein Bildungssystem zu schaffen, das wirklich auf die Bedürfnisse der Kinder eingeht.
Zusätzlich sollte auch der emotionale und soziale Aspekt des Lernens stärker berücksichtigt werden. Kinder, die sich in der Schule sicher und respektiert fühlen, sind eher bereit, sich aktiv einzubringen. Dies erfordert eine Schulatmosphäre, die auf Vertrauen und Fürsorge basiert. Lehrkräfte könnten beispielsweise mehr Zeit für den Aufbau persönlicher Beziehungen nutzen, anstatt sich ausschließlich auf die Wissensvermittlung zu konzentrieren. Auch multiprofessionelle Teams, die Schulpsychologinnen oder Sozialarbeiterinnen einbeziehen, könnten hier eine wichtige Rolle spielen.
Abschließend ist es wichtig, das Schulsystem nicht nur punktuell zu verbessern, sondern grundlegende Reformen in Angriff zu nehmen. Die Stimme der Kinder muss dabei im Zentrum stehen. Wenn wir ihre Perspektiven ernst nehmen und in Entscheidungen einbeziehen, können wir ein Bildungssystem schaffen, das nicht nur leistungsorientiert, sondern auch inklusiv, unterstützend und zukunftsfähig ist. Kinder sind nicht nur Lernende, sondern auch Mitgestalter ihrer Bildung. Indem wir ihnen zuhören, können wir nicht nur ihre individuelle Entwicklung fördern, sondern auch das Schulsystem als Ganzes verbessern.
Literatur:
Bezirksregierung Arnsberg. (2023). Handreichung Schulabsentismus: Handlungskompetenz für Lehrkräfte. Bildung und Gesundheit NRW. Abgerufen von https://www.bug-nrw.de/fileadmin/web/News/handreichung_schulabsentismus_2023.pdf
Helsper, Werner; Kramer, Rolf-Torsten: Selektion und Übergänge im Bildungssystem. Einleitung in den Thementeil – In: Zeitschrift für Pädagogik 53 (2007) 4, S. 439-443. Abgerufen von: https://www.pedocs.de/volltexte/2011/4403/pdf/ZfPaed_2007_4_Helsper_Kramer_Selektion_Uebergaenge_Bildungssystem_D_A.pdf
Joachim Herz Stiftung. (n.d.). Jeder Schultag zählt: Strategien gegen Scheitern. Abgerufen von: https://www.joachim-herz-stiftung.de/ueber-uns/auslaufende-projekte/forschungsprojekt-jeder-schultag-zaehlt
Lenzen, C., Fischer, G., Jentzsch, (et.al). (2013). Schulabsentismus in Deutschland – Die Prävalenz von entschuldigten und unentschuldigten Fehlzeiten und ihre Korrelation mit emotionalen und Verhaltensauffälligkeiten. IN: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, 62(8), 570–582.
Ratzsch, J. (2024, Juni 18). Nationaler Bildungsbericht 2024: Mehr Schulabbrecher und Fachkräftemangel. Deutsches Schulportal. Abgerufen von: https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/nationaler-bildungsbericht-mehr-schulabbrecher-und-fachkraeftemangel/
“Es wäre besser, wenn Ihr Kind in die Hauptschule geht, oder höchstens den Realschulabschluss anstrebt, alles andere könnte zu überfordernd für sie sein”.
Diesen Satz haben meine Mutter und Ich am Ende meiner Grundschulzeit häufiger von meinen Lehrer*innen anhören müssen. Nach meinen Noten zu beurteilen, wäre das Anstreben eines Abiturs an einem Gymnasium utopisch und würde mich nur “überfordern”. Reflektierend aus meiner heutigen Sicht habe ich mir diesen Satz ziemlich eingeprägt und auch ein Stück weit eingeredet. Denn ab da war für mich klar, dass ich niemals in ein Gymnasium versetzt werde. Auch als ich mein Fachabitur oder mein Studium angestrebt habe, kam mir der Satz aus der Vergangenheit wieder in den Kopf und die große Frage stand für mich im Raum: Schaffe ich das überhaupt?
Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung, wollte ich das Thema weiter recherchieren und das Konzept des heutigen Bildungssystems hinterfragen.
Das heutige Bildungssystem bietet den Vorteil, dass die verschiedenen Schulformen unterschiedliche Bildungswege eröffnen, die besser auf die individuellen Fähigkeiten der Kinder abgestimmt werden können. Zudem ist die Durchlässigkeit zwischen den Schulformen heute höher, wodurch ein Wechsel einfacher möglich ist.
Dennoch stehen zahlreiche Kritikpunkte im Mittelpunkt der Diskussion. Besonders problematisch ist die frühe Selektion der Kinder, die oft in einer entscheidenden Phase ihrer Lern- und Persönlichkeitsentwicklung erfolgt. Zudem verstärkt das Selektieren von Kinder in unterschiedlichen Schulformen soziale Ungleichheiten, da Kinder aus einkommensschwachen Familien nach wie vor deutlich geringere Chancen haben, ein Gymnasium zu besuchen.
Abschließend bleibt die Frage, ob ein Bildungssystem ohne Trennung und mit längerer gemeinsamer Lernzeit nicht gerechter und zukunftsfähiger wäre. Also ein System, das jedem Kind unabhängig von seiner Herkunft die besten Möglichkeiten zur Entfaltung bietet.
Ein solcher Wandel könnte nicht nur soziale Ungleichheiten reduzieren, sondern auch präventiv auf Problematiken wie Schulabsentismus wirken. Denn häufig sind es genau die strukturellen Hürden und die mangelnde Chancengleichheit, die dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche den Anschluss verlieren und sich von der Schule entfremden.
“Zentrales Merkmal des Schulabsentismus ist die illegitime körperliche Abwesenheit aus dem Wirkbereich Schule, somit eine Schulpflichtverletzung. Schulabsentismus ist ein facettenreiches Phänomen mit vielen möglichen Ursachen, Verläufen, Intensitäten und Folgen.” (Ricking & Hagen, 2016). Jeder Schüler hatte in seiner Schullaufbahn bestimmt schon einmal Angst, zur Schule zu gehen, oder ihm war unwohl dabei. Dies kann verschiedene persönliche Gründe gehabt haben. Schulabsentismus ist aber komplex strukturiert und lässt sich in drei Formgruppen, das Schulschwänzen, die angstbedingte Schulverweigerung und das Zurückhalten (also Eltern verhindern den Schulbesuch oder billigen Schulversäumnisse), untergliedern (vgl. Ricking & Hagen, 2016).
Das Schulvermeiden kann also viele komplexe Hintergründe mit sich bringen und hat meist einen legitimen Grund. Trotzdem ist es immer noch ein umstrittenes und oft mit Vorurteilen behaftetes Thema, dass bei Lehrkräften Fragen aufwirft und bei betroffenen Schüler*innen mit Scham behaftet ist.
Die Zahl von Jugendlichen mit Schulabweichendem Verhalten und psychischen Beeinträchtigungen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die betroffenen Kinder zeigen sich oft gehemmt, depressiv und sozial unsicher und entwickeln aufgrund innerer Ängste massive Hemmungen den Unterricht zu besuchen oder sich der Schule räumlich zu nähern (vgl. Ricking & Hagen, 2016). Darüberhinaus gibt es aber auch Fälle in der die Kinder nicht selbst bestimmen können, ob sie zur Schule gehen oder nicht. Grund dafür sind die Erziehungsberechtigten, die die Kinder an einem Schulbesuch hindern.
Zumeist sind es eigennützige Gründe, die Eltern dazu bringen, ihre Kinder von der Schule fernzuhalten. Die Kinder müssen dann beispielsweise im Haushalt helfen, oder auf kleinere Geschwister aufpassen. Einige Eltern stehen aber auch der Schule gleichgültig gegenüber, lehnen die Schule ab oder sind gesundheitlich so eingeschränkt, dass ihr Kind zu Hause unentbehrlich scheint und krankenpflegerische Aufgaben zu übernehmen hat (vgl. Ricking & Hagen, 2016).
Diese Umstände verdeutlichen, wie vielfältig die Ursachen für Schulvermeidung sein können und wie stark sie von den Lebensrealitäten der betroffenen Familien abhängen. Besonders problematisch ist dabei, dass die betroffenen Kinder oft keine Möglichkeit haben, aus diesen Strukturen auszubrechen, und dadurch nicht nur Bildungsangebote, sondern auch wichtige soziale Erfahrungen und Entwicklungschancen verpassen. Dies zeigt, welche weitreichenden Folgen ein eingeschränkter Zugang zur Bildung für die Lebensperspektiven der Kinder haben kann. Aber gibt es überhaupt präventive Lösungsansätze, damit Schulabsentismus nicht noch ein größeres Problem wird?
Um Schulabsentismus präventiv zu begegnen, ist es entscheidend, das Thema regelmäßig auf die Agenda von Konferenzen und Teamsitzungen zu setzen, um ein Bewusstsein im Kollegium zu schaffen. Lehrkräfte sollten gezielt über Risikofaktoren und Frühwarnsignale geschult werden, damit sie Anzeichen von Schulunlust frühzeitig erkennen und angemessen darauf reagieren können. Die Etablierung eines Absentismus-Beauftragten innerhalb des Kollegiums, der oder die sich intensiv mit dem Thema auseinandersetzt, kann zudem helfen, strukturiert und effektiv vorzugehen.
Fortbildungsangebote zum Umgang mit mehrfach belasteten Familien und Jugendlichen sind ein zentraler Bestandteil der Prävention von Schulabsentismus. Lehrkräfte benötigen ein tiefgehendes Verständnis für die komplexen Lebensrealitäten dieser Familien, um angemessen reagieren und vertrauensvolle Beziehungen aufbauen zu können. Eine enge Zusammenarbeit mit Fachkräften aus der Jugendarbeit kann dabei helfen, die Perspektiven zu erweitern und gezielte Unterstützung anzubieten. Durch flexible Zeitpläne und regelmäßige Teamgespräche können Lehrkräfte ihre Erfahrungen austauschen, Fallbesprechungen durchführen und so einen koordinierten Ansatz entwickeln, der den Bedürfnissen der betroffenen Schüler*innen gerecht wird (Nairz- Wirth & Feldmann, 2024). Abschließend lässt sich sagen, dass Schulabsentismus ein vielschichtiges Phänomen ist, das sowohl individuelle als auch strukturelle Ursachen hat und eng mit sozialen Ungleichheiten verknüpft ist. Die frühen Grundlagen im Bildungssystem sowie fehlende Unterstützung für mehrfach belastete Familien verstärken die Problematik zusätzlich. Gleichzeitig zeigen die steigenden Zahlen von Jugendlichen mit Schulunlust oder psychischen Beeinträchtigungen, dass es dringend präventiver Maßnahmen bedarf, um den Zugang zur Bildung für alle Kinder zu sichern. Ein gerechteres Bildungssystem, das weniger auf Selektion und mehr auf individuelle Förderung setzt, könnte nicht nur die sozialen Ungleichheiten reduzieren, sondern auch den Schulabsentismus nachhaltig bekämpfen. Dies erfordert jedoch eine enge Zusammenarbeit von Lehrkräften, Fachkräften der Jugendhilfe und politischen Entscheidungsträger*innen, um geeignete Lösungen zu entwickeln und umzusetzen. Bildung sollte jedem Kind, unabhängig von seiner Herkunft oder Lebensrealität, die Chance auf persönliche und berufliche Entfaltung bieten.
Literatur: Ricking, H. & Hagen, T. (2016). Schulabsentismus und Schulabbruch: Grundlagen – Diagnostik – Prävention. Kohlhammer.
Nairz- Wirth, E., & Feldmann, K. (2024). Handlungsempfehlungen für Lehrende, Schulleitung und Eltern bzw. Erziehungsberechtigte zur erfolgreichen Prävention von Schulabsentismus und Schulabbruch Aufbruch zu einer neuen Schulkultur: Aufbruch zu einer neuen Schulkultur. (2. Auflage). Verlag Arbeitskammer Wien.
Schulabsentismus ist ein komplexes Problem, dass nicht allein auf individuelles Fehlverhalten oder mangelnde Motivation von Schüler*innen reduziert werden kann und darf. Vielmehr sehe ich es als Spiegel struktureller Defizite im Bildungssystem, die dringend hinterfragt werden müssen. Meiner Meinung nach liegt eine zentrale Ursache in der frühen Selektion und der starren Struktur des deutschen Schulsystems. Kinder werden bereits nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Bildungswege aufgeteilt, was nicht nur enormen Leistungsdruck erzeugt, sondern auch das Gefühl der Ausgrenzung verstärken kann. Wer einmal in einer bestimmten Schulform „feststeckt“, hat es oft nicht leicht, seinen Weg noch zu verändern.
Ein weiteres Problem ist die mangelnde Flexibilität des Systems im Umgang mit individuellen Bedürfnissen in meinen Augen. Viele Schüler*innen, die regelmäßig der Schule fernbleiben, haben tiefere Gründe für ihr Verhalten – seien es psychische Belastungen, Angststörungen oder negative Erfahrungen mit Lehrkräften und Mitschüler*innen (Stamm et al., 2009). Hier erwarte ich von Schulen nicht nur ein striktes und zielgerichtetes Kontrollsystem zur Überwachung der Fehlzeiten, sondern vor allem einen sensiblen Umgang mit den Ursachen. Ein funktionierendes bewusstes Beobachten kann zwar helfen, Muster zu erkennen, doch ohne echte Unterstützung bleibt es ein rein bürokratisches Mittel. Daher sollten Schulen enger mit Hilfs Einrichtungen für Jugendliche, Beratungsstellen und therapeutischen Anlaufstellen zusammenarbeiten, anstatt das Problem nur intern lösen zu wollen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der zu beachten ist, ist die Beziehung zwischen Lehrkräften und Schüler*innen. Ich glaube, dass viele Absentist*innen sich nicht einfach gegen das Lernen entscheiden, sondern sich mit der Institution Schule nicht wohl fühlen (Stamm et al., 2009). Dies könnte durch ein partizipativeres/ aktives Schulsystem verhindert werden. Das von der EU empfohlene Lundy-Modell beispielsweise fordert, Schüler*innen nicht nur anzuhören, sondern sie aktiv in Entscheidungen einzubinden. Würden Kinder und Jugendliche die Schule als einen Ort wahrnehmen, an dem ihre Meinungen und Bedürfnisse zählen und eine wichtige Rolle spielen würden, könnte das Schulabsentismus verringert werden.
Zudem darf nicht ignoriert werden, dass das Schulklima allgemein eine wichtige und entscheidende Rolle spielt. Wenn Schulen nur als ein Ort des Leistungsdrucks wahrgenommen werden, ist es wenig überraschend, dass manche Schüler*innen sich der Schule entziehen. Eine zeitgemäße Schule muss mehr als ein Prüfungszentrum sein. Sie sollte ein Ort sein, an dem Kinder sich wohlfühlen können, soziale Beziehungen aufbauen und die Möglichkeit bekommen individuell gefördert zu werden (Bezirksregierung Arnsberg, 2023). Leider sehe ich noch große Defizite, denn die Lehrpläne sind oft sehr starr, Lernmethoden nicht ausreichend differenziert und Lehrkräfte aufgrund von der hohen Arbeitsbelastung kaum in der Lage, auf individuell auf Proble einzugehen.
Ich bin der Meinung, dass Schulabsentismus kein isoliertes Problem ist, sondern ein Zeichen für tiefere und gravierendere Schwächen im Bildungssystem. Die Strukturen müssen flexibler werden, Schulen brauchen bessere Unterstützungssysteme, und vor allem muss sich die Schulkultur ändern. Hin zu mehr Partizipation, individueller Förderung der Kinder und einem Umfeld, das Lernen nicht nur als Pflicht, sondern eher als eine Chance begreifen wird.
Beobachtungen aus schulischen Kontexten zeigen, dass Schüler*innen, die regelmäßig fehlen, oft mit einem Zusammenspiel aus psychischem Druck, mangelnder emotionaler Unterstützung und schulstrukturellen Herausforderungen konfrontiert werden. In vielen Fällen reagieren Schulen mit Maßnahmen wie Mahnungen oder Bußgeldern, anstatt die individuellen wahren Gründe für das Fernbleiben zu hinterfragen (Bezirksregierung Arnsberg, 2023). Dies geht überein mit den im Beitrag beschriebenen Forschungsergebnissen, die darauf hinweisen, dass Kinder nicht nur aus individuellen, sondern auch aus strukturellen Gründen die Schule meiden.
Der Blog hebt besonders hervor, dass der Umgang mit Schulabsentismus nicht allein über disziplinarische Maßnahmen oder die individuelle Anpassung der Schüler*innen gelöst werden kann. Sondern vielmehr wird ein systemischer Wandel benötigt, bei dem die Schule als Institution stärker auf die Bedürfnisse der jungen Menschen eingeht. Hier kann das im Blog genannte Lundy-Modell als wertvoller Ansatz dienen, da es nicht nur das Zuhören, sondern auch eine echte Partizipation von Schüler*innen in Entscheidungsprozesse fordert.
Die ethnographische Perspektive macht deutlich, dass Schulabsentismus mehr ist als ein individuelles Problem einzelner Schüler*innen – er verweist auf grundlegende Mängel im Schulsystem. Die im Blog erwähnten Forschungsergebnisse legen nahe, dass es nicht nur darum geht, Kinder wieder in die Schule zu integrieren, sondern auch darum, die Institution selbst zu hinterfragen und Bedürfnis orientiert anzupassen.
Zusammenfassend lässt sich meiner Meinung nach daher sagen, dass Schulabsentismus ein vielschichtiges Problem ist, dass nicht allein auf individuelles Fehlverhalten zurückzuführen ist. Vielmehr spiegelt es strukturelle Defizite des deutschen Bildungssystems wieder, besonders die frühe Selektion nach der vierten Klasse und die mangelnde Flexibilität im Umgang mit individuellen Bedürfnissen. Schüler*innen, die regelmäßig fehlen, leiden oft unter psychischem Druck oder negativen Schulerfahrungen, während die Schulen häufig nur mit bürokratischen Maßnahmen auf probleme reagieren. In meinen Augen ist ein systemischer Wandel ist nötig. Schulen sollten stärker mit Unterstützungsangeboten arbeiten, Partizipation der Schüler*innen fördern und eine lernförderliche Schulkultur schaffen, um Schulabsentismus wirklich nachhaltig zu reduzieren.
Literatur:
Bezirksregierung Arnsberg. (2023). Handreichung Schulabsentismus: Handlungskompetenz für Lehrkräfte. Bildung und Gesundheit NRW.
https://www.bug-nrw.de/fileadmin/web/News/handreichung_schulabsentismus_2023.pdf
Stamm, M. , Ruckdäschel, C., Templer, F., Niederhauser, M., (2009) Schulabsentismus- Ein Phänomen, seine Bedingungen und Folgen
https://link-springer-com.ezproxy2.hsrw.eu/book/10.1007/978-3-531-91319-3
Bezogen auf den Blockartikel möchte ich weiter auf das Thema „Schulabsentismus“ eingehen, genauer auf die Prävention und Intervention von Schulabsentismus.
Der Zusammenhang zwischen dem Bildungssystem, welches wir in Deutschland haben, und Schulabsentismus geht Hand in Hand.
Das konstante Fernbleiben kann viele verschiedene Gründe haben, von der nicht vorhandenen Möglichkeit, die Schule überhaupt zu besuchen, über Kinderarbeit und Armut, bis hin zu Strafsystemen in den Schulen, die Kindern Angst machen.
In den meisten fällen wird die Schuld zwischen den Eltern und der Schule gegenseitig hin und her geschoben. Das Elternblaming in diesem Zusammenhang sagt, dass Eltern dafür verantwortlich sind, dass ihre Kinder der Schule fernbleiben. Dabei wird ihnen unterstellt, dass sie den Schulbesuch der Kinder bewusst aufhalten oder sich nicht genug um die Bildung ihres Kindes kümmern würden.
Lehrer*innenblaming beschreibt das Gegenteil. Sie werden dafür Verantwortlich gemacht, dass Kinder vom Unterricht fernbleiben. Dies können mehrere Gründe haben, wie zum Beispiel der ausgeführte Unterricht, das Verhalten oder auch mangelnde Unterstützung dem Kind gegenüber.
Um dem Blaming gar keine Chance zu geben, möchte ich nun auf die Prävention von Schulabsentismus eingehen. Bei dieser Recherche bin ich auf ein Rahmenkonzept gestoßen, welches sich mit der Prävention von Schulabsentismus befasst. Der Response-to-Intervention-Ansatz beschäftigt sich mit der Förderung von individuellen Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen.
Um die Bedürfnisse zu fördern, werden regelmäßig Lern- und Verhaltensschwierigkeiten überprüft, mit dem Ziel Probleme schon früh zu erkennen. Wenn ein förderbedarf festgestellt wird, in einem Bereich, der höher ist als der „normale“ Förderbedarf, so folgt eine intensive Förderung, die in drei Stufen eingeteilt ist.
Je nach Förderbedarf, werden die Kinder den Gruppen bzw. Stufen eingeteilt, es gilt: je höher der Förderbedarf, desto höher die Stufe.
In der ersten Stufe wird der reguläre Unterricht beschrieben, dieser ist hochwertig und qualitativ. Der Unterricht hat durch die Lehrkraft eine Präventive Grundausrichtung und es gibt Schulleistungs- und Verhaltensscreenings, die 3- bis 4-mal im Jahr stattfinden, um problematische Entwicklungen frühzeitig zu entdecken. Werden bei diesen Screenings ein intensiverer Förderbedarf ermittelt, so gelangt das Kind auf die zweite Stufe.
Die 2. Stufe ist die Stufe der intensiven Förderung. Diese Förderung benötigen rund 20% aller Schüler*innen. Hier geht die Förderung über den regulären Unterricht hinaus und die Förderung findet in Kleingruppen statt, um zum Beispiel die Motivation zu fördern. Auch im Unterricht werden verschiedene Maßnahmen angewendet wie zum Beispiel Verstärkerpläne. In der zweiten Stufe werden Lern- und Verhaltensfortschrittsmessungen ein bis zwei Mal pro Woche durchgeführt.
Die letzte bzw. dritte Stufe die intensive Einzelfallhilfe, die von ca. 5% der Schüler*innen benötigt. Diese Stufe umfasst eine intensive Diagnostik im Zusammenhang mit einer Gemeinsamen Problemlösung. Die Förderung findet individuell und intensiv statt.
Wenn man dieses Konzept betrachtet, scheint dieses auch passend und wirksam beim Thema Schulabsentismus. Aufgrund der Vielfalt der Zielgruppe und der oft vielschichtigen Problemstellungen sind flexible Unterstützungsangebote erforderlich, die individuell angepasst werden können. Dieses Rahmenkonzept bietet wertvolle Anhaltspunkte und kann zur Entwicklung von Konzepten im Kontext von Schulentwicklungsprozessen genutzt werden.
Meiner Meinung nach kann dieses Konzept funktionieren, um Schulabsentismus präventiv vorzubeugen, da das Konzept auf viele Aspekte achtet, die Schüler*innen davon abhält zur Schule zu gehen, wie zum Beispiel das im Auge behalten der schulischen Leistungen. Jedoch müssen der Rahmen des Konzepts auch umgesetzt und im regulären Unterricht angewendet werden, um das Konzept und die Prävention aufrecht zu halten, was zum Beispiel durch Fachkräftemangel schwierig werden könnte.
Hagen, T., & Ricking, H. (2016). Schulabsentismus Und Schulabbruch: Grundlagen – Diagnostik – Prävention. Kohlhammer.
Schulabsentismus ist facettenreich und hat viele verschiedene „Gesichter“. Das habe ich durch Vorträge und Erfahrungsberichte, die uns innerhalb der Hochschule präsentiert wurden, gelernt. Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass auch ich gewisse Vorurteile mit der Thematik im Vorhinein verbunden habe und mir nicht im Klaren über die verschiedenen Erscheinungsformen und Ursachen war. Umso wichtiger finde ich es, über Schulabsentismus im gesamtgesellschaftlichen Kontext aufzuklären.
Schulabsentismus wird häufig auch als „Fehlen ohne rechtmäßigen Grund bezeichnet“. In dieser Formulierung liegt ein großer Fehler. Die persönlichen Empfindungen, Gefühle und Ursachen, die bei SchülerInnen zu Schulabsentismus führen, bleiben mit dieser Aussage unbeachtet.
In unserer heutigen Gesellschaft ist es uns zum Glück weitestgehend ein großes Anliegen, Kinder und Jugendliche in ihrer Individualität anzuerkennen und zu fördern. Dementsprechend müssen aber auch ihre individuellen Bedürfnisse geachtet werden. Um Schulabsentismus aktiv entgegenzuwirken, ist es wichtig, auch Alternativen zu schaffen. Ich persönlich bin der Auffassung, dass es nicht immer sinnvoll ist, alle Kinder in das System einzubetten, sondern auch das System zeitgemäß anzupassen.
Aus dem vorliegenden Blogartikel geht hervor, dass die Zahl der SchülerInnen, welche nicht am Schulunterricht teilnehmen, prozentual steigt. Dies wäre meiner Meinung nach der erste Anhaltspunkt, um die Strukturen innerhalb des Schulsystems zu revolutionieren.
Wie auch im Blogartikel beschrieben, entscheiden sich die meisten Kinder Deutschlands mit zehn bis zwölf Jahren, welche schulische Laufbahn sie einschlagen. Studien zeigen, dass dieser erste Schulwechsel meist nicht von den schulischen Leistungen der Kinder abhängt, sondern durch ihre soziale Herkunft geprägt ist (Baumert et al, 2013). Kinder aus Akademiker-Haushalten erhalten bessere Schulempfehlungen als die aus bildungsferneren Haushalten (Wößmann et al, 2019). Hier haben wir den ersten Anhaltspunkt, an dem wir als Gesellschaft etwas ändern müssen. Hinzu kommt, dass fortfolgend besonders Kinder aus sozial schwächeren Familien von Schulabsentismus betroffen sind (Joachim Herz Stiftung, 2023).
Der hohe Leistungsdruck innerhalb der Schulen sowie standardisierte Verfahren zur Leistungserhebung könnten ein Indikator für zunehmenden Schulabsentismus sein. Bildung ist für SchülerInnen häufig ein reiner Stressfaktor. Ich kann aus meiner eigenen Schulzeit entnehmen, dass wenig auf die persönlichen Interessen von SchülerInnen im Unterricht eingegangen wird. Es gibt strikte Lehrpläne, die befolgt werden und wenig Raum für individuelle Entfaltung und kreatives Lernen bieten. Dies könnte ebenfalls die steigende Quote der SchülerInnen erklären, die von Schulabsentismus betroffen sind.
Um dem „Problem“ des Schulabsentismus entgegenzuwirken, muss eine tiefgreifende Reform stattfinden.
Zum einen sollte mehr Fokus auf das interessensorientierte Lernen gesetzt werden. Studien zeigen, dass Bildungssysteme, welche vom individualisierten Lernen Gebrauch machen, höhere Bildungserfolge erzielen (OECD, 2021). Außerdem sollte über die Verlängerung der gemeinsamen Schulzeit nachgedacht werden. Eine spätere Differenzierung wird bereits in einigen skandinavischen Ländern sowie in den Niederlanden vorgenommen und könnte eine Chancengleichheit fördern. Familien, die von Sprachbarrieren betroffen sind, hätten so zum Beispiel mehr Zeit, dies „auszugleichen“ – durch den verlängerten Austausch verschiedener sozialer Schichten innerhalb der Schule.
Hinzu kommt, dass eine Reform in der Notengebung stattfinden muss. Zum einen müssen Nachteilsausgleiche einfacher zu beantragen und stärker im Bildungssystem vertreten sein. Zum anderen könnte durch eine Reduzierung des Leistungsdrucks die intrinsische Motivation steigen.
Meiner Meinung nach könnten Gesamtschulen ebenfalls dazu beitragen, Schulabsentismus zu verringern. Schulwechsel werden durch sie reduziert und somit individuelle Lernprozesse besser unterstützt.
Ich bin der Auffassung, dass die herausgearbeiteten Punkte dazu beitragen könnten, Schulabsentismus zu verringern. Allerdings muss die Gesamtgesellschaft zunächst über die Problematik des Schulabsentismus sowie seine Ursachen aufgeklärt werden, damit sie bereit ist, diese präventiven Wege einzuschlagen. Die Mitwirkung aller BürgerInnen ist meines Erachtens essentiell und sollte angestrebt werden.
Baumert, J., Klieme, E., & Neubrand, M. (2013). Bildungsungleichheit in Deutschland: Ursachen und Entwicklungen. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 16(3).
Joachim Herz Stiftung. (2023). Jeder Schultag zählt: Praxishandbuch zur Prävention und Intervention bei Schulabsentismus. Joachim Herz Stiftung. Abgerufen von: https://www.joachim-herz-stiftung.de/fileadmin/Redaktion/Projekte/Persoenlichkeitsbildung/2023_JSZ_PHB_Absentismus.pdf.
Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). (2021). Bildung auf einen Blick 2021: OECD-Indikatoren. OECD-Publishing. Abgerufen von: https://www.oecd.org/de/publications/2021/09/education-at-a-glance-2021_dd45f55e.html.
Wößmann, L., Schoner, F., Freundl, V., & Pfaler, F. (2023). Der ifo-„Ein Herz für Kinder“-Chancenmonitor: Wie (un-)gerecht sind die Bildungschancen von Kindern aus verschiedenen Familien in Deutschland. Abgerufen von: https://www.ifo.de/publikationen/2023/aufsatz-zeitschrift/der-ifo-ein-herz-fuer-kinder-chancenmonitor.
Kommentar- Schulstrukturen mit Fokus auf Schulabsentismus
Der obige Blogartikel hat mein Interesse geweckt, da ich mit vielen der im Artikel angesprochenen Themen, bereits eigene Erfahrungen gemacht habe.
Zunächst möchte ich auf die im Blogartikel angesprochene Pluralität und den frühen Selektionsprozess eingehen. Die Vielfalt der Schulformen sowie der im Blogartikel behandelte frühe Selektionsprozess beeinflussen die Bildungsbiografie vieler Kinder und Jugendlicher. In Nordrhein-Westfalen, ebenso wie in anderen Bundesländern, gibt es verschiedene Schulformen, darunter Gemeinschaftsschulen, Gesamtschulen, Realschulen, Gymnasien und Förderschulen. Grundsätzlich empfinde ich diese Vielfalt als eher positiv, da man so am besten auf alle Bedürfnisse der Kinder eingehen kann. Doch wie auch viele andere Dinge hat auch dies seine Schattenseiten. Einerseits ermöglicht eine Vielfalt, wie bereits gesagt, eine gezielte Förderung der Kinder und ihrer Fähigkeiten, andererseits besteht die Gefahr, Kinder zu früh in Schubladen zu stecken und ihnen nicht das volle Potenzial zuzugestehen, das sich möglicherweise erst in einem späteren Alter zeigt (Koch, 2015, S. 167). Meistens wird die besagte Selektion bereits in der vierten Klasse vollzogen. Dort wird entschieden, zu welcher weiterführenden Schule ein Kind gehen soll. Die Eltern erhalten von den Lehrern eine Empfehlung, die oft als richtungsweisend für die Zukunft des Kindes angesehen wird (Koch, 2015, S. 167). Als ich die vierte Klasse besuchte, erinnere ich mich noch gut an die angespannte Atmosphäre, die mit der Entscheidung über die weiterführende Schule einherging. Obwohl meine Eltern mich immer in allem unterstützten, war der Druck spürbar, nicht nur durch meine Lehrerin, sondern auch durch den unausgesprochenen Wettbewerb mit meinen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden. Ich erinnere mich bis heute an das Gespräch mit meiner Grundschullehrerin, bei dem ich voller Hoffnung auf eine Gymnasialempfehlung wartete. Mir wurde immer gesagt, dass nur das Gymnasium der beste und einzig richtige Weg sei. Doch als ich bei meinem Gespräch dann „nur“ eine eingeschränkte Empfehlung erhielt, war ich tief enttäuscht und traurig und konnte dies nicht verstehen. Trotz meiner guten Noten wurde mir gesagt, dass meine mündliche Mitarbeit nicht ausreiche, um aufs Gymnasium zu gehen. Diese Einschätzung schockierte mich und machte mich sehr traurig. Ich hatte das Gefühl, dass ich wegen dieser Einschränkung keine Zukunftsperspektive mehr hätte. Erst heute wird mir wirklich bewusst, wie sehr dieser Selektionsprozess Kinder unter Druck setzt-mich eingeschlossen, und welche Belastung er darstellt. Die Kritik an den Schulformen und am schulischen Lernen halte ich daher für berechtigt. Die frühe Selektion berücksichtigt oft nicht, dass viele Kinder ihr Potenzial erst später vollständig entfalten (Koch, 2015, S. 171). So war es auch bei mir: Trotz meiner eingeschränkten Empfehlung entschied ich mich, das Gymnasium zu besuchen. Anfangs hatte ich Zweifel und fühlte mich unsicher. Doch mit der Zeit, als ich älter wurde und mehr Selbstvertrauen gewann, verbesserte sich meine mündliche Mitarbeit erheblich. Ich entwickelte mich weiter und lernte, mich mehr einzubringen. Rückblickend zeigt mir diese Erfahrung, dass eine frühe Einstufung nicht immer die tatsächlichen Fähigkeiten und das Potenzial eines Kindes widerspiegelt, da sich viele erst später entfalten.
Aber auch der im Blogartikel angesprochene Leistungsdruck auf dem Gymnasium ist mir nicht neu, denn auch ich habe in meiner Schullaufbahn bereits Bekanntschaft damit gemacht und dass nicht immer auf positive Weise. Studien zeigen, dass schulische Anforderungen wie Prüfungen und Hausaufgaben eine der größten Stressquellen für Schüler*innen sind (Seiffge-Krenke, 2007, S. 13). Diese Erkenntnis bestätigt sich in meiner eigenen Erfahrung: Der Leistungsdruck war für mich enorm, insbesondere vor Prüfungen. Mit der Zeit entwickelte ich eine starke Prüfungsangst. Wochen vor wichtigen Klausuren litt ich unter Schlafstörungen und innerer Unruhe. Die steigenden Anforderungen der modernen Leistungsgesellschaft führen bei vielen Schülern, so auch bei mir, häufig zu Überforderung (Seiffge-Krenke, 2007, S. 14). Prüfungen galten jedoch als normal, und der Druck als selbstverständlich. Statt Unterstützung zu bekommen oder ernst genommen zu werden, hieß es oft nur: „Das gehört dazu.“
Ein wichtiger Aspekt, der im Zusammenhang mit Leistungsdruck und Angst in der Schule diskutiert werden sollte, ist das Thema Schulabsentismus. Ich erinnere mich an Tage, an denen ich mit Bauchschmerzen aufgewacht bin, weil eine Prüfung anstand oder eine Präsentation, vor der ich große Angst hatte. Diese Angst hat jedoch bei mir nicht dazu geführt, dass ich die Schule komplett gemieden habe, wie es bei anderen beispielsweise der Fall war. Stamm et al. (2009, S. 17) machen eine wichtige Unterscheidung zwischen „Schulverweigerung“, die oft auf emotionale Belastungen oder psychische Probleme zurückzuführen ist, und bewusstem „Schwänzen“ als Regelverstoß. Diese Differenzierung jedoch in vielen Schulen, was ich auch in meiner eigenen Schulzeit beobachten konnte. Fehlzeiten wurden meist vorschnell als Faulheit interpretiert, und sowohl Mitschüler*innen als auch Lehrkräfte machten abwertende Kommentare wie „Der/Die schwänzt doch eh wieder“ oder „Der/Die hat nur keine Lust“. Dabei wird oft übersehen, dass es ganz andere Gründe für häufiges Fehlen geben kann, sei es Prüfungsangst, soziale Ausgrenzung, psychische Probleme oder familiäre Probleme. Neben den individuellen Faktoren spielen aber auch schulstrukturelle Bedingungen eine zentrale Rolle. Viele Schulen verfügen über keine vernünftigen Unterstützungsmechanismen für Schüler*innen mit Prüfungsangst oder psychischen Belastungen. Der Fokus liegt in den meisten Schulen nur auf Leistungsmessung durch Klausuren und Notensysteme. Dies setzt die meisten Schüler*innen unter erheblichen Druck, ohne dass alternative Beurteilungsformen oder differenzierte Fördermaßnahmen ausreichend berücksichtigt werden. Zudem sind Lehrkräfte oft durch große Klassenstärken überlastet, was eine individuelle Betreuung erschwert. Fehlzeiten werden häufig sanktioniert, ohne dass eine tiefgehende Analyse der Ursachen erfolgt. In der Folge geraten Eltern unter Druck, Lehrkräfte fühlen sich alleingelassen und betroffene Schüler*innen werden oft vorschnell als „Problemfälle“ stigmatisiert. Viele sind sich des Problems des Schulabsentismus nicht bewusst, obwohl es gravierende Folgen für die betroffenen Schüler*innen haben kann. Doch anstatt nach Lösungen zu suchen, stehen oft Schuldzuweisungen im Mittelpunkt.
Literatur
Koch, K. (2015). KinderStärken für den dritten Übergang: Von der Grundschule in die weiterführende Schule. Kinderstärken–Kinder stärken. Erziehung und Bildung ressourcenorientiert gestalten.
Seiffge-Krenke, I. (2007). Bewältigung von familiären und schulischen Problemen. Stress und Stressbewältigung im Kindes-und Jugendalter.
Stamm, M., Niederhauser, M., Ruckdäschel, C., & Templer, F. (2009). Schulabsentismus: Ein Phänomen, seine Bedingungen und Folgen. VS Verlag für Sozialwissenschaften / GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-531-91319-3
Das deutsche Schulsystem teilt Kinder früh auf verschiedene Schulformen auf. Während dies für einige eine Chance bedeutet, setzt es andere bereits im Grundschulalter unter Druck. Oftmals spielt bei der Empfehlung oder dem Besuch der Weiterführenden Schule nicht nur die Leistung eine Rolle, sondern auch die soziale Herkunft. Nur etwa 44% der Kinder aus benachteiligten Familien besuchen ein Gymnasium nach der Grundschule, wohingegen es bei den privilegierteren Kindern ca. 58% sind, obwohl ähnliche Noten und Leistungen vorliegen (BMFSFJ, 2024). Neben dieser Ungleichheit gibt es ein weiteres Problem. Immer mehr Kinder und Jugendliche meiden kurz oder langfristig die Schule. Dies nennt sich Schulabsentismus und kann verschiedene Ursachen haben. Darunter zählen zum Beispiel: hoher Leistungsdruck, Mobbing, psychische und familiäre Probleme oder das Interesse an anderen Lernformen. Ricking & Hagen (2016, S.6f.) beschrieben Schulabsentismus wie folgt: „Schulabsentismus umfasst diverse Verhaltensmuster illegitimer Schulversäumnisse multikausaler und langfristiger Genese mit Einflussfaktoren in der Familie, der Schule, der Peers, des Milieus und des Individuums, die einhergehen mit weiteren emotionalen und sozialen Entwicklungsrisiken, geringer Bildungspartizipation sowie einer erschwerten beruflichen und gesellschaftlichen Integration und die einer interdisziplinären Prävention und Intervention bedürfen“.
Ich persönlich habe ebenfalls Erfahrungen mit Schulabsentismus gemacht. In der 1. Klasse der Grundschule ist meine Klassenlehrerin langfristig erkrankt und musste die Schule verlassen, wodurch wir ab der 2. Klasse eine neue Klassenlehrerin bekommen haben, mit der ich nicht zurechtgekommen bin. Die Umstellung war für mich schwierig und ich wollte nicht mehr zur Schule gehen, so schlimm, dass ich physische Schmerzen wie Bauch- und Kopfschmerzen hatte. Ich habe meine Eltern mehr oder weniger angefleht, dass ich dort nicht mehr sein möchte und lieber zu Hause bleiben möchte. Nach Gesprächen mit dem Schulleiter und meinen Eltern gab es immer wieder Versuche, mich ihr und der Schule anzunähern. Allerdings hatte ich nie das Gefühl, dort willkommen zu sein. Meine ehemalige Klassenlehrerin setzte mich vor die Klasse und schickte meine Mutter weg, sodass ich allein und weinend auf dem Flur saß. An diesem Punkt hat mir eindeutig die Empathie gefehlt. Mir ist natürlich bewusst, dass sie den Unterricht nicht nur meinetwegen ständig unterbrechen konnte, allerdings hätte ich mir gewünscht, dass es eine Alternative gegeben hätte, um mich langsam und leichter wieder an die Situation zu gewöhnen. Ich hatte nie Probleme mit Mitschülern und habe mich von ihnen und meiner Familie genügend unterstützt gefühlt, sodass ich das Problem mit der Zeit lösen konnte. Auch im weiteren Verlauf meines Lebens hatte ich nie wieder Probleme mit diesen Themen. Allerdings gibt es weitaus intensivere Fälle, bei denen Kinder und Jugendliche über Monate die Schule verweigern.
Um Schulabsentismus aktiv an der Ursache anzugehen, benötigt es ein geschultes Auge von Lehrkräften, die die ersten Zeichen eines Schulverweigerers erkennen und direkt präventiv arbeiten. Dazu zählen die Frühindikation, die einheitliche und lückenlose Aufzeichnung der Fehlzeiten, die Analyse der Fehlzeiten sowie die Diagnose des Verhaltens der SchülerInnen (Nairz-Wieth & Feldmann, 2024, S.20-26). Im Anschluss daran bzw. während des Prozesses müssen Wege gefunden werden, auf den oder die Betroffenen einzugehen, ohne die Person in die Enge zu drängen oder sie zu verunsichern. Einige Kinder benötigen eine alternative Lernform, die mehr auf eigene Interessen eingeht und emotionale Unterstützung bietet. Es geht nicht darum, Disziplin und Regeln abzuschaffen, sondern darum, ein Umfeld zu schaffen, in dem Kinder nicht aus Angst oder Überforderung gehen. Denn wenn sie erst mal die Schule verweigern, ist es schwer, sie zurückzuholen (Seeliger & Bergische Universität Wuppertal, 2016, S.50). Vielleicht ist nicht die Anpassung der Kinder an das System die Lösung, sondern die Anpassung des Systems an die Kinder.
Um das Thema und Betroffene besser zu verstehen, war es hilfreich, die Vorträge eines Schülers und drei betroffener Eltern zu hören. Dabei wurde mir deutlich, wie wichtig es ist, jeden Schüler und jede Schülerin individuell zu betrachten und die Probleme aufzuarbeiten. In dem Fall des Jugendlichen, der von Schulabsentismus betroffen ist, kamen einige Fragen von Studierenden, die seine Situation besser verstehen wollten. Dabei ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, dass er froh ist, dass er eine unterstützende Familie hat, die ihn auf seinem eigenen Weg begleitet hat, sodass er auch von zu Hause lernen konnte, allerdings viel praktischer. Mittlerweile geht er wieder zur Schule, die von praktischen Aktivitäten geprägt ist. Dieser Weg kann auch für andere Betroffene eine hilfreiche Lösung sein, da in alternativen Schulen mehr auf die individuellen Interessen eingegangen wird, da die Gruppengröße deutlich kleiner ist als an einer üblichen Schule. Schulabsentismus ist ein Problem, das in den Fokus der Bildungspolitik rücken muss. Nur wenn Schulen sich zu Orten der Unterstützung und des Vertrauens entwickeln, kann langfristig verhindert werden, dass Kinder und Jugendliche den Anschluss verlieren.
Literatur:
BMFSFJ (2024). Nationaler Bildungsbericht 2024. https://www.recht-auf-ganztag.de/gb/nationaler-bildungsbericht-2024–243068 (zuletzt aufgerufen am 27.02.2025)
Nairz-Wirth, E. & Feldmann, K. (2024). Handlungsempfehlungen für Lehrende, Schulleitung und Eltern bzw. Erziehungsberechtigte zur erfolgreichen Prävention von Schulabsentismus und Schulabbruch Aufbruch zu einer neuen Schulkultur: Aufbruch zu einer neuen Schulkultur. S. 20-26
Ricking, H. & Hagen, T. (2016). Schulabsentismus und Schulabbruch. Stuttgart: Kohlhammer. S.6f.
Seeliger, S. & Bergische Universität Wuppertal, G. I. (2016). Schulabsentismus und Schuldropout Fallanalysen zur Erfassung eines Phänomens. Springer VS. S.50
Als ich in der ersten Klasse war, war ich selbst Schulabsentist. Ich kam mit dem Schulsystem nicht klar und wollte nicht fünfmal die Woche für sechs bis acht Stunden am Tag an einem Tisch sitzen und auf die Tafel schauen. Ich habe mich anfangs gewehrt und wollte nicht zur Schule, aber wurde gezwungen. Nach einer Weile hatte ich Phantom-Bauchschmerzen, und durch das Kranksein durfte ich dann zu Hause bleiben. Aber als das häufig vorkam, brachte mich meine Mutter zum Arzt, der dann feststellte, dass ich gesund bin. So musste ich wieder zur Schule. Ich habe jeden Morgen geweint und mich gewehrt. Dabei wurde ich von den Lehrkräften gewaltsam festgehalten, während meine Mutter schnell weggegangen ist. Obwohl ich mich mit Wegschubsen und Treten gewehrt habe, brachte es nichts, denn ich war ein Kind und nicht stark genug. Ich war frustriert und verletzt, weil mich keiner verstehen konnte und keiner nachvollziehen wollte, wie es mir geht. Dies machte mich wütend. Als ich dann eines Tages die Lehrerin leicht gebissen habe, die mich gewaltsam festhielt, wurde mir gedroht, dass ich auf eine Förderschule geschickt werde. Dies brachte mich so zum Entsetzen, denn ich war ja normal und kein förderbedürftiges Kind. Mir wurde klar, dass ich keine andere Wahl hatte als mich unter Druck zu setzten. Ich wollte nicht abgestempelt werden und in eine Förderschule kommen. Danach habe ich mich unter Druck gesetzt und habe öfter die Schule besucht, bis ich letztendlich jeden Tag zur Schule ging. Und heute habe ich mein Abitur und studiere. Diese persönliche Erfahrung lässt sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Schulabsentismus in Verbindung bringen. Studien zeigen, dass Schulverweigerung oft auf psychische Belastungen, Ängste und das Gefühl der Entfremdung von der Institution Schule zurückzuführen ist. So erklärt Reißig (2001), dass Experten zum Thema Schulverweigerung übereinstimmend Angst in verschiedensten Formen als Ursachen für das Handeln der Betroffenen benannten. Weiter erklärt Reißig (2001), dass Auslöser dabei das Verspotten oder/ und Bedrohen durch Mitschüler, Versagensängste vor schulischen Leistungsanforderungen, Angst vor bestimmten Lehrkräften oder auch ganz allgemeine Ängste vor einer unsicheren Zukunft sein können (Schreiber-Kittl 2001, zitiert nach Reißig, 2001). Besonders schulische Bedingungen führten zu einer beginnenden Schulverweigerung (vgl. Reißig, 2001). In der Studie von Reißig (2001) wird deutlich: „59% sagten, dass Probleme mit einzelnen oder mehreren Lehrern Ursache für das Schwänzen gewesen seien. Aber auch schlechte Leistungen in der Schule (31%) oder Probleme mit anderen Mitschülern (30%) waren innerschulische Gründe für ein Fernbleiben der Befragten“. So erleben Kinder die Schule nicht als einen Ort der Zugehörigkeit, sondern als eine Institution, die ihnen wenig Raum für ihre individuellen Bedürfnisse gibt. Während meiner Schulzeit wurde mir klar, dass viele Kinder ähnliche Erfahrungen machen, aber keine Stimme haben. Das von Laura Lundy entwickelte Partizipationsmodell bietet hier eine interessante Perspektive. Es fordert, die Stimmen der Kinder ernst zu nehmen und sie aktiv in Entscheidungsprozesse einzubinden. Jedoch stellt sich mir die Frage wie man Erwachsene zum Zuhören bringen kann, wenn sie selbst als Kinder nicht gehört wurden bzw. ihnen nicht zugehört wurde. Während meiner Schulzeit merkte ich, wie schwer es Lehrkräften fiel, sich aus ihren festgelegten Rollenmustern zu lösen und tatsächlich auf die Bedürfnisse der Schüler/innen einzugehen. Keiner meiner Lehrer aus der Ersten Klasse hat versucht sich in meine Situation einzufühlen und zu verstehen wieso ich mich weigere zur Schule zu gehen. Dadurch hat auch keiner versucht eine geeignete Unterstützung und Hilfe zu finden und mir anzubieten. Oft blieb es bei bürokratischen Maßnahmen, die das Problem nicht an der Wurzel packten. Mein persönlicher Einblick in das Schulsystem und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen deutlich, dass eine Veränderung dringend notwendig ist. Wir müssen nicht nur über eine Veränderung sprechen, sondern aktiv werden und Strukturen schaffen, die eine echte Partizipation und individuelle Förderung ermöglichen.
Literatur:
Reißig, B. (2001). Schulverweigerung – ein Phänomen macht Karriere. In Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.), Arbeitspapiere aus dem Forschungsschwerpunkt Übergänge in Arbeit (2. überarbeitete Auflage). Deutsches Jugendinstitut. https://www.dji.de/fileadmin/user_upload/bibs/9_2009_Schulvw.pdf